Stefan Klein (Foto: Andreas Labes)

Donnerstag, 19. April 2018, 19:30 Uhr

Landschaften ausräumen

Wenn auf dem Land die Natur verschwindet

mit
Stefan Klein (Wissenschaftsautor, Berlin)
Inken Christoph-Schulz (Agrarforscherin, Thünen-Institut Braunschweig)
Hansjörg Küster (Institut für Geobotanik, Leibniz Universität Hannover)

Ort
Bahlsensaal (F 303)
Hauptgebäude der Leibniz Universität Hannover
Welfengarten 1, 30167 Hannover
Stadtbahnen 4/5 bis Leibniz Universität

Abendkasse
4 EUR oder 0 EUR unter 25

Kooperation
Leibniz Forschungszentrum TRUST an der Leibniz Universität Hannover

So kann's einem gehen: Man zieht aus der Großstadt raus auf's Land, um der Natur näher zu sein, und muss dann zusehen, wie diese Natur verschwindet. Stefan Klein schildert so eine Erfahrung. Der bekannte Wissenschaftsautor (»Die Glücksformel«) hatte nördlich von Berlin ein Idyll für sich und die Familie gefunden, mit Wiesen voller Insekten, Himmeln voller Vögel, Tümpeln voller Frösche und einer Natur zum Umarmen, "das reinste Bullerbü", wie die Besucher sagten. Schon der Kinder wegen schien das Glück perfekt.

Doch binnen weniger Jahre hat sich dort in der Uckermark eine menschengemachte Ödnis ausgebreitet. Monokulturen prägen das Bild auf den Feldern, Riesenmaschinen das der Straßen, und was von weitem immer noch grün und natürlich aussieht, ist bei näherer Betrachtung eine nahezu sterile, von allem Überflüssigen getilgte, hochgezüchtete Biomasse.

Stefan Klein schlägt jetzt Alarm: Was man vielfach aus den Medien kennt – Verlust der Biodiversität, Insektensterben, Übernutzung und Ausdünnung der Natur – für ihn ist es real greifbar geworden: Hier draußen geht die Natur vor die Hunde.

Hansjörg Küster hat ein intensives Verhältnis zur Landschaft: Sie ist für ihn Naturerbe und Kulturgut. Als Geobotaniker untersucht und beschreibt er die vielfältigen Ausprägungen von Natur und Landschaft, einschlägig etwa in seiner »Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa«.

Küster begreift Landschaft stets im Spannungsfeld von Natur und Kultur. Pure Natur wäre Wildnis – pure Unnatur ganz sicher Ödnis. Landschaft ist in unterschiedlichen Graden gezähmte, kultivierte Natur und ist vielfach kulturell verankert: Landschaften haben spezifische Charaktere, Qualitäten und Bedeutungen und ihre Intaktheit liegt uns am Herzen, je mehr sie für uns Heimat und Hort sind.

Lassen sich die starken landschaftlichen Eingriffe durch industrielle Landwirtschaft und regenerative Energieerzeugung noch wertneutral als Wandel beschreiben, oder sieht auch Hansjörg Küster die Substanz von Natur und Landschaft auf dem Spiel stehen?

Inken Christoph-Schulz ist Spezialistin für Agrarkontroversen. Am Johann Heinrich von Thünen-Institut, der Bundesforschungsanstalt für Ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig erforscht sie Einstellungen von Bürgerinnen und Bürgern zu landwirtschaftlichen Themen, etwa der Biogaserzeugung oder der Nutztierhaltung. Dabei entdeckt sie häufig eine Kluft zwischen städtischen und ländlichen Milieus: In der Stadt wird die Landwirtschaft kritischer wahrgenommen als auf dem Land. Viele Städter wünschten sich die ländlichen Räume als ein Gegenbild zur modernen Industriegesellschaft.

Und die Menschen auf dem Land: In wieweit teilen sie dieses Leitbild? Immerhin geht es bei Ihnen um die Heimat. Aber haben Landwirte angesichts diverser Sachzwänge noch einen Sinn für Idylle? Kann man sie als Naturschützer und Landschaftspfleger in die Pflicht nehmen? Oder empfinden sie solche Anforderungen als Fremdbestimmung und Gedöns? Wie entwickeln sich ländliche Räume im Spannungsfeld von Naturschutz, Tourismus, Agrar- und Energiewirtschaft? Bleibt das Land der Ort, wo die Natur zuhause ist?